The Future › Die Katze erzählt
USA 2011, 91 Minuten, E/df, 35mm, Farbe
REGIE, DREHBUCH: Miranda July
MIT: Miranda July, Hamish Linklater, David Warshofsky, Isabella Acres, Joe Putterlik
Seit Jean Cocteau ist es kaum einem Künstler gelungen, in Dichtung, Kunst und Film gleichermassen erfolgreich zu sein. Erst die Amerikanerin Miranda July wandelt als Darstellerin ihrer eigenen Figuren leichtfüssig zwischen den so streng getrennten Sparten des Kulturbetriebs.
Aus der Underground-Performancekunst kommend, gewann sie 2001 einen Kurz-
filmpreis in Oberhausen, triumphierte in Sundance mit dem Spielfilm Me And You And Everyone We Know, lehnte danach beharrlich alle Telefonanrufe ab, wenn sie aus Hollywood kamen, und schrieb lieber einen Bestseller Zehn Wahrheiten. Dabei wartete sie geduldig auf The Future, ihren zweiten Spielfilm. Erzählt von einer Katze im Tierheim, die vergeblich auf ihre ‹Adoptiveltern› wartet, geht es um deren begrenzte Freiheit in der Liebe. July selbst spielt eine Frau in den Dreissigern, die sich eine Auszeit nimmt, das bürgerliche Glück mit einem älteren Herrn testet.
The Future führt in ein Beziehungs-Niemandsland, das im Kino sonst keine Rolle spielt: Filmemacher erzählen entweder von romantischen Aufbrüchen oder dramatischen Trennungen. Der unspektakuläre Zustand einvernehmlicher Stagnation scheint ihnen kaum ein Thema – auch wenn die meiste Beziehungszeit wohl genau darauf verwendet werden dürfte.
Miranda Julys Filme und Geschichten leben von jenen Momenten, in denen Chancen und Ausbrüche aus vorgegebenen Rollenbildern zum Greifen nah
sind – aber dann doch nicht die erhoffte Wirklichkeit werden. Wer sein Schneckenhaus verlässt, um etwas zu erreichen, muss diesen Verlust an Intimität erst einmal verkraften. In Julys Kunst wie in ihren Filmen geht es um die Doppelbödigkeit der eigenen Zurschaustellung, um die Risiken, wie sie bereits eine einfache Liebeserklärung mit sich bringen kann. Und damit auch immer um die Rolle des Künstlers, von dem erwartet wird, sein Innerstes preiszugeben. Als Darstellerin lädt sie das Publikum ein, sich mit diesem Künstlerdilemma zu identifizieren, auch wenn wir gar keine Künstler sind.
Auch Julys neueste Hauptrolle lebt von derselben darstellerischen Unbefangenheit, einer kontrollierten Verspieltheit, die auch ihre Video- und Performance-Arbeiten auszeichnet. Ihre Kurzgeschichten weisen sie als liebevolle Sammlerin jener alltäglichen Absonderlichkeiten aus, mit denen Menschen glauben, ihre Gefühle auszudrücken. Wie das Liebespaar im Mittelpunkt von The Future: Sophie und Jason (Hamish Linklater) wollen ihrem Leben mit der Katzenadoption einen neuen Sinn geben. Bis dahin freilich möchten sie noch einmal frei sein. Sie kündigen ihre Jobs und das Internet, um endlich zu tun, was sie schon immer wollten. Sophie will einen eigenen Tanz kreieren. Und Jason möchte sich einfach vom Leben treiben lassen. Schneller als gewollt aber gehen beider Wege jäh auseinander, und es bedarf einiger übernatürlicher Elemente, um die Hoffnung auf eine Rückkehr zur Romantik nicht zu verlieren. Neben der monologisierenden Katze hat in Julys magischem Realismus auch noch ein lebendes T-Shirt einen gewissen Anteil. Dennoch ist das alles zwar verspielt, aber niemals albern, frei, aber doch nicht abgehoben. Und entwickelt dabei mitunter sogar einen Ernst und eine Aufrichtigkeit, die an Beziehungs-Innenansichten von Godard, Bergman und Woody Allen denken lässt.
Daniel Kothenschulte (Frankfurter Rundschau/Berliner Zeitung)